HANOI

Hanoi - Literaturtempel
Gelber Stern auf rotem Grund, Hammer und Sichel – Willkommen in der Sozialistischen Republik Vietnam. Die Symbolik kommt uns bekannt vor. Und die Uniformen sind genauso hässlich. Am Immigrationsschalter am Flughafen Hanoi sitzt ein Zwerg mit Genossen-Mütze und schnarrt uns Befehle entgegen. Und das in dieser nasalen Sprache! Dörti muss grinsen. Scheiß Autoritäten. Außerdem hat sie Durchfall und Magen. Kein Bock auf parieren. Draußen wird wie wild gebaut. Als ob vor einem wichtigen Staatsbesuch noch mal n Schlag reingehauen werden muss. Später erfahren wir, dass die Kommunistische Partei ihr 85. Jubiläum zelebrieren wird. Vielleicht ist das der Grund. Die Strasse ist dreispurig. Es sieht aus, als ob sie quer durch landwirtschaftlich genutztes Gebiet geschlagen wurde. Rechts und links ackern die Bauern unter dem grauen Himmel Hanois. Keine fünf Minuten also, und wir sehen uns mit dem zweiten Markenzeichen Vietnams konfrontiert. Dem kegelförmigen Reishut. Klischee bestätigt. Und auch wenn in Hanoi nicht ein Mal die Sonne scheinen wird, thronen sie doch auf den Köpfen tausender Menschen. Meistens werden sie von Straßenverkäufern getragen, die stilecht ihre Ware mit einer Tragestange und zwei Körben durch die Gegend buckeln.
Hanoi Hanoi Hanoi - Garküchen überall

 

 

 

 

Die Wolken sind trüb. Ob vom Smog oder vom Wetter, werden wir nie wissen. Jedoch rennt jeder Zweite mit Mundschutz durch die Gegend. Der Verkehr ist, mit Verlaub, desaströs. Die nächsten zwei Tage benötigen wir starke Nerven. Rote Ampeln und Zebrastreifen werden ignoriert oder sind erst gar nicht vorhanden. Motorräder, einem Wespenschwarm gleich, hupen sich hysterisch ihren Weg durch die Stadt. Dazu kommt eine Armada an Autos. Die Strassenüberquerung als Fussgänger grenzt da an Selbstmord. Das Hotel liegt im Old Quarter, im Herzen der Stadt. Dort angekommen, lassen wir erst einmal sacken. Zeit zum sinnieren. Kein Besuch in Vietnam ohne Gedanken an die blutige Geschichte. Wie zäh sie doch sein müssen, diese Vietnamesen. Erst haben sie die Chinesen, dann die Franzosen, dann die Amerikaner rausgekickt. Dazwischen irgendwann noch den Mongolen den Hintern versohlt. Und wahrscheinlich gabs noch andere Invasoren. Das muss doch tief in der Volksseele sitzen. Und diese Sprache… Eine Verschwenderin der Sonderzeichen. Weltmeister der Akzente und Aneinanderreihungen der Vokale. Unglaublich.

Bis auf die Nationalflagge, die stolz überall im Wind flattert, ist von sozialistischen Tugenden nicht allzu viel zu merken. Es gibt Apple aus China, Facebook und Marlboro. Die Altstadt, das Old Quarter, ist das Herz und die Seele der Metropole. Im Reiseführer steht gar, dies wäre das Asien, von dem man träumt. Eine etwas verklärte Meinung, finden wir. Wir träumten lieber von Wasserbüffeln und Reisterassen. Es ist laut und hektisch. Aber interessant. Können uns kaum auf das Verkehrschaos konzentrieren, weil die Augen auf jedem Meter woanders hängen bleiben. An jeder Ecke die exotischsten Düfte der dampfenden Garstuben. Man sitzt auf Schemeln, raucht und futtert. Im 13 Jh. liessen sich hier die 36 Zünfte Hanois nieder, jede in einer anderen Strasse. Die Altstadt wird daher auch die „36 Strassen“ genannt. Zu kaufen gibt es alles. Von Gold – und Silberschmuck über traditionelles Kunsthandwerk bis hin zur Adidasjacke für 30 Euro…. Wir stolpern durch Schuh, Kitsch und Knopfstrasse und schaffen es unversehrt bis zum Hoan Kiem See. Der liegt mitten im Old Quarter und ist bzw. war, um es in unseren Worten auszudrücken, der Volksheld im Kampf gegen die Chinesen. Die Legende spinnt sich um einen Kaiser, ein goldenes Schwert, die Götter und eine Schildkröte. Das sollte reichen. Legenden werden uns mit Sicherheit noch reichlich begegnen. Von letzterer übrigens gibt es noch heute welche. Eine, Cu Rua (Grossvater) genannt, wiegt ganze 200 kg. Vom See aus besuchen wir mehrere Tempel und schlagen uns den Weg frei bis zum Hoa Lo Gefängnis. In dem sass damals auch John Mc Cain ein. Aber der Reihe nach. Ein Grossteil der Exponate im Musseum beschäftigen sich mit dem vietnamesischen Unabhängigkeitskrieg gegen Frankreich. Absolute Gänsehaut. Die Zustände müssen katastrophal gewesen sein. Das kann man auch bildlich sehen. Fotos von Gefängnisinsassen, abgeschlagenen Köpfen, Zeitzeugen, aber auch jede Menge Propaganda. Die Zellen, die Guillitone – alles ist noch vorhanden. Während des Vietnamkrieges hat man dann amerikanische Piloten, die von Nordvietam abgeschossen wurden, hier inhaftiert. Der Name „Hanoi Hilton“ sagt schon alles. Den Jungs ging es, im Vergleich zu den vietnamesischen Insassen in den Jahrzehnten unter französischer Herrschaft, passabel. Naja, harter Tobak, diese Austellung. Da macht sich Dörtis Magen gleich bemerkbar. Durchfall und öffentliche Toiletten… Keine gute Kombination. Trotzdem haben wir Hunger.

Zurück im emsigen Gewühl der Altstadt, schicken wir uns an, die Garstuben zu erobern. Es gibt Pho (hier wäre zum Beispiel einer dieser witzigen Akzente drauf, die wir auf unserer Tastatur nicht finden), eine simple, doch deliziöse und feinzüngige Nudelsuppe. Etwas Ingwer, etwas Anis, ein paar Frühlingszwiebeln und et voilà. Köstlich. Heiki zieht sich zur Feier des Tages ein Bierchen rein. Vielleicht auch nur, um Dörti zu ärgern. Die kann nicht. Der Darm würde meckern. Tut er auch. Aber da liegen wir glücklicherweise schon wieder auf unseren Hotelbetten.
Hanoi - Ngoc-Son-TempelHanoi - Ngoc-Son-TempelHanoi - Ngoc-Son-TempelHanoi Hanoi - Hoa-Lo-GefängnismuseumHanoi - Hoa-Lo-Gefängnismuseum

 

 

 

 

 

 

Hanois StraßenHanoi - Lebensgefährlich und für uns Chaos purHanois PolizeiHanoi Hanoi Hanoi - mmmhh lecker und Dörti kann niccht :-)

 

 

 

 

 

 

 

Good morning, Vietnam. Wir danken im Geiste für diesen Evergreen und schieben uns durch das Gedränge der Markthalle. Überraschen kann fast nix mehr. An einer vielbefahrenen Straße hakt sich eine sehr! alte Dame bei Dörti unter. Dörti lächelt freundlich und schickt sich an, sich mit ihr durch das Chaos zu kämpfen. Ein zweifelnder Seitenblick zu Heike: „Hilft sie mir oder ich ihr?“ Heiki hat Tränen in den Augen. Was für ne Frage… Eine Greisin ist dem Hortkind beim Überqueren der Straße behilflich. Das dürfen wir bloss keinem erzählen. Andere Länder, andere Sitten. Die Tour de Farce geht weiter. In einem Cafe werden wir platziert. Ein Herr kommt angerannt und zeigt auf Heikis Schuhe. In seiner Hand baumeln alte Latschen. In Indonesien mussten wir auch immer die Schuhe ausziehen. Wird hier also nicht anders sein. Heiki lässt gewähren und schon rennt der Typ mit ihren alten Galoschen los. Heiki Panik in den Augen, am Fuss räudige Pantoffeln. Der nette Herr schaffts bis zur Ecke und fängt an, besessen die Nikes zu putzen. Fast 15 Euro soll der Spass am Ende kosten. Immerhin hat er auch geklebt. Für die Kohle können wir hier fast neue kaufen…
Hanoi - Bah-Dinh-Platz am Ho-Chi-Minh Mausoleum
Auf sauberen Sohlen gehts weiter zum Ho Chi Minh Mausoleum. Wohl eher ein Komplex. Der Präsident Vietnams residiert übrigens gleich neben Onkel Ho. Volksnah gibt er sich, hinter einem gigantischen eisernen Vorhang, äh Zaun. Daneben beginnt die Sovjet-Romantik. Wir befinden uns auf einer Reise durch die Vergangenheit. Es riecht nach DDR. Genossen der Volksarmee stehen in kleinen Wachhäusern. Ein großer Paradeplatz und stalinistische Protzgebäude. Das Mausoleum ist zu. Gottseidank. Onkel Ho wird einmal im Jahr in das Bruderland UDSSR zur Generalüberholung geschickt. Pimp my Führer. Das Museum ist unten voller Propaganda und langweiliger Fotos. Russland wird als Genosse und Freund gehuldigt. Oben wirds bunter. Kreativ. Wirklich gut. In abgefahrenen Installationen wird die Geschichte und Gegenwart Vietnams sowie sozialistische Völkerverständigung aufbereitet. Von El Guernica und Picasso über Antifaschismus, Albert Einstein und traditionelle Lebensverhältnisse ist hier alles vertreten. Hut ab. Wir reisen noch weiter in die Zeit. Der Literaturtempel, paar Kilometer Luftlinie entfernt, wurde im Jahre 1070!!! zu Ehren von Konfuzius errichtet und diente später als Universität für Mandarine. Das Highlight jedoch kommt erst am späten Nachmittag. Das Wasserpuppentheater, eines der kulturellen Steckenpferde Hanois. Mal ganz anderes Entertainment. Gezeigt werden 14 Kurzgeschichten aus dem Alltag und Legendentopf Vietnams. Wir verstehen kein Wort. Aber die Musik ist bezaubernd. Der Nachtmarkt muss später auch noch drann glauben. Heiki ersteigert eine Adidas Daunenjacke. Schniecke. Wir freuen uns über das Schnäppchen. Haben wir sie schön übers Ohr gehauen. Wie doof müssen die denn sein, nur 25 Euro für son Ding zu verlangen… Vietnam. So kann das bitte weiter gehen.
Hanoi - PräsidentenpalastHanoi Hanoi - Bewaffnete Wächter überallHo-Chi-Minh MausoleumHo-Chi-Minh MuseumHo-Chi-Minh Museum

Hanoi - LiteraturtempelHanoi - LiteraturtempelHanoi - LiteraturtempelWasserpuppentheaterWasserpuppentheaterHanoi - GarstubenHanoi - NachtmarktHanoi - NachtmarktHanoi - Straße bei NachtHanoi - Dong-Xuan-Markt

2 Gedanken zu “HANOI

  1. Dörte, ist deinem Magen immer noch nicht gut, oder schon wieder neue Probleme damit?

    Ich glaube bei den Essen’s Kulturen, die Ihr innerhalb kurzer Zeit erlebt, würde mein Magen auch durch drehen.

    Gute Besserung!

  2. Hallo ihr Süßen.
    Alles schön beschrieben. Unsere DDR Zeit lässt grüßen. Aber alles gut. Alles hat seine Zeit. Wer weiß ob in der ADIDAS Jacke auch ADIDAS drin ist.
    Aber nach Borneo ist Vietnam und Stadt sicher ein Schock.
    Ich hoffe für euch, dass ihr die Sonne bald wieder seht.
    Liebe Grüße von mir

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