ON THE ROAD 1

Borneo
Der Rausch geht weiter. Siti hat alles klar gemacht. Unsere letzten fünf Tage in Borneo sind verplant. Das nennt sich Service Exzellenz. Und auch wenn wir am Ende dieser Reise die Rechnung präsentiert bekommen, so haben wir doch so viel mehr erhalten als eine schnöde Reiseführung…

Tag 1
Wir lassen uns am Strassenrand einen Saft kredenzen. Die Früchte suchen wir uns selbst aus. Alles frisch. Und noch nie gesehen. Drachenfrucht ist der Hammer. Jetzt müssen wir nur noch einen Kaffee jagen. Schwierig, wenn niemand unsere Sprache spricht. Dabei dachten wir, dass Kaffee ein internationaler Begriff ist. Hier heisst es Kopi. Andere Begriffe können wir uns ableiten. Haben wir wohl den Holländern zu verdanken. Die haben hier unten auch rumgewildert. Nanas ist Ananans. Polisi versteht jeder. Komplexi wohl auch. Schuh übrigens ist Sapato oder so. Das wiederum ist den Portugiesen anzuhängen. Aber wir schweifen ab. Siti hat eine Armada an Helfern organisiert, die uns und unser Gepäck mit den Mofa zum nächsten Hotel fahren. Wir sind zu geizig und wollen was billigeres. Kriegen wir auch. Hat Siti gebucht und schon vorgeschossen. Von 14 Euro gehts runter auf circa 6. Es ist zumindest sauber. Aber nun doch mit Stehklo. Für alle Gäste. Und ohne Dusche. Die Schöpfkelle tuts auch. Wir verfluchen die Demse. Wenn wir nicht so doll schwitzen würden, könnten wir uns das Duschen sparen. Nun müssen wir da durch. Mitgehangen, mitgefangen. Der Ekel ist gross.
Unser 3,50€ HotelWe hate u very dermaßenUnsere Deluxe-Suite

 

 

 

 

Es gibt Mittag bei Sitis Mama. Ein Suppe, die es nur zu bestimmten Anlässen gibt. Eine Langnase im Ort ist ein solcher. Wir sind etwas eingeschüchtert. Sitzen auf dem Teppich und spachteln. Siti übersetzt. Zehn Familienmitglieder schauen zu. Kinder auf der Strasse kiechern. Wir sind das Highlight. Absolut. Die Ur-Ur-Ur-Oma oder so kommt mit ihren 100 Jahren anmarschiert. Befiehlt ein Foto mit uns. Sie ist zurechtgemacht, mit Schminke und Nagellack und allem. Wir müssen den Bauch der schwangeren Tante streicheln. Das soll Glück bringen. Und wir? Wissen wieder mal nicht wohin mit unseren Gefühlen. Wir fragen uns, wer hier wen einen Gefallen tut. Laut Siti sind wir es. Die Familie hat nicht alle Tage einen Ausländer zu Gast. Wir sehen das anders. Sind gerührt und dankbar, einmal stilles Mäuschen spielen zu können. Als ob wir in einem indonesischen Roman schmöckern würden.

Weiter gehts zur ersten Etappe der Siti-Rundtour. Ihr Vater und ein Nachbar fahren uns nach Pangkalan Bun. Dort übernimmt Siti Dörti und Heiki bleibt bei Sitis Vater sitzen. Wir schauen uns den letzten Palast des Sultans von Kalimantan an. Weiter gehts zu einer Flussfahrt. Das Boot ist auch schon organisiert. Hier in diesem Viertel lebt eine Ethnie der Dayaks, bevölkern quasi den ganzen Flusslauf. Als Strassennetz dient der Fluss und ein Irrgarten an Stegen. Dazwischen zahlreiche Moscheen. Die meisten Hütten sind sehr ärmlich. Eine jede mit einem vorgelagerten Plumpsklo. Alles läuft in den Fluss, aber auch alles kommt wieder raus. Geschirr, Wäsche und Kinder werden in ihm gewaschen. Heiki ist zutiefst beeindruckt. Später wird sie sagen, dass ihr zum ersten Mal bewusst wurde, wie gut es ihr doch eigentlich geht. Uns allen in Deutschland. Siti zeigt uns eine der legalen Holzfirmen am Fluss. So richtig durchsehen sieht da keiner. Der Besitzer hat die Lizenz vom Staat. Limitiert wird sie kaum und wenn doch, dann kann die Lokalregierung geschmiert werden. Oder das Land wird den Einheimischen abgekauft. So in etwa, und noch viel fieser.
Essen bei Sitis MamaWir werden verwöhnt...Sitis jüngste TochterDie Familie und Nachtbar schauen zu...Dir Ur-Ur Oma kommt und will auch ein Foto :-) Sie ist schon 100 Jahre altDie Tour beginntErstmal Tanken - eine Tankfüllung kostet ca. 1 EuroSultans PalaceSultans PalaceMoscheen überallAlle wollen ein Foto von sich, von uns, mit uns...Borneo-Pangkalabun

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wir süppeln einen Kaffee und müssen Siti zwingen, bezahlen zu dürfen. Wir bezahlen übrigens mit Tausendern. Die Klotok-Tour hat gar Millionen gekostet. Wertloses Papier. Heiki zeigt unsere Münzen. Wieviel das Wert wäre? Die Warung-Dame bekommt 50 Cent. Das sind circa 7900 Rupien. Sie kriegt sich nicht mehr ein. Siti begutachtet ein 2 Euro-Stück. Rund 29000 Rupien. Beide Damen brechen in einen Redeschwall aus. Wir müssen kein indonesisch sprechen, um zu verstehen, worüber sie reden. Siti gibt uns die Münze zurück. Damit kann man zweimal tanken. Die Kids bekommen auch alle einen Taler. Vermutlich wird dieser Tag im Tagebuch vermerkt. Sofern sie Tagebuch schreiben…
Weiter gehts zum traditionellen Long-House der Dayak-Kultur. Das ist 500 Jahre alt. Die baut man nicht mehr, weil das Holz namens Iron Wood knapp wurde. Und vielleicht auch, weil die Moderne voller Bequemlichkeiten steckt. Im kleinen Häuschen am Eingang wurden übrigens die Köpfe der Toten aufgebahrt. Überall sind Menschen, die uns zuwinken. Wir fahren zu Jeffrey ins Dayak-Viertel. Der holt uns gerade Litschis vom Baum. Das wars dann auch. Wir werden im Hotel abgesetzt, wo wir Stunden brauchen, uns zu überwinden, aufs Klo zu gehen.

Flussfahrt in PangkalabunHolzfirmaLonghouse

 

 

 

 

Tag 2
Wenn wir diesen Tag mit einer Hasstirade auf das Palmenöl beginnen, liest vielleicht niemand mehr weiter. Das Vokabular wäre etwas unschön. Also versuchen wir uns zu mässigen. Jemand sagte neulichst salopp, er bräuchte kein Palmenöl, es gäbe doch Sonnenblumenöl. So einfach ist es leider nicht. Palm Oil ist ein Multitalent. Es steckt in Kosmetik, in Lebensmitteln, dient als Treibstoff. So richtig interessiert es auch niemanden. Hand aufs Herz. Wer checkt schon seine Einkäufe nach Palmenöl. Wir leider nicht. Bisher. Vielleicht sollten wir das ändern.

Fahrt zu den PalmölplantagenEigentlich idyllischDoch der Schein trügt...

 

 

 

 

Palmöl leider überall...

 

75 Prozent des indonesischen Regenwaldes sind in den letzten Jahrzehnten verschwunden. Der Export von Palm Oil ist dahingegen um 244 Prozent gestiegen. Und diese Zahlen sind veraltet. Die ganze Sache wollten, nein mussten, wir uns selbst mal ankucken. Mit den Klotok gehts wieder auf die andere Seite des Flusses. Die mit der Freikarte. In der Siedlung leben an die 1000 Menschen. Sie sind – mittlerweile – vom Palmenöl abhängig. Das bringt Brot auf den Tisch. Und die Satellitenschüssel in den Garten. Wer also sind wir, das zu beurteilen? Von irgendwas muss man ja leben. Ist ja auch nichts so, dass es viele Alternativen gäbe. Da sind die Mienen… Auch fies. Also bleibt nur das Palmenöl. Wir düsen mit dem Moped durch die Plantagen. Was soll man sagen. Der Wurm liegt im Detail. Bis zum Horizont grüne Palmen. Sieht gar nicht mal so ungesund aus. Wir Doofis haben wahrscheinlich eine desaströse Wüste erwartet. Zwei Firmen haben sich hier die Lizenz ergattert und bewirtschaften Hektar im sechsstelligen Bereich. Ab und an verirrt sich ein Orang Utan auf dem Areal. Kann dem Lockruf der süssen Früchte nicht widerstehen. Sein Kühlschrank wird eh immer kleiner. Mit etwas Glück wird er nur vermöbelt. Oder man schickt ihn gleich zum Jordan. 600 000 Rupien Kopfgeld setzt der Plantagenbesitzer aus. Das sind knapp 42 Euro. Ein Essen beim Italiener!!! Wenn wir es richtig verstanden haben, versteht sich. Lass es auch minimal mehr sein. Wir könnten kotzen. Siti sagt, wir sollten einen auf Touristen machen. Also dürfen wir unser Unbehagen, um es gelinde auszudrücken, nicht zeigen. Dörtes Gesicht spricht trotzdem Bände.

Palmölplantage
PalmölplantagenHaus eines PalölarbeitersPalmölfruchtPalmölplantagePalmölfrüchtebergMit dem Moped geht es durch die Plantagen

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Bauern pachten das Land. Kaufen die Samen und züchten ihre Palmen. Abgerechnet wird per Fruchtstaude, wenn man das so sagen kann. An den jeweiligen Behausungen kann man ablesen, wie erfolgreich ein jeder ist. Wir werden wie immer mit einem Lächeln begrüsst. Alle winken uns zu. Bei einem Kumpel vom Motorradfahrer gibt es Kokusnuss. Die holt er frisch vom Baum. Die Kids gackern und bewerfen uns mit englischen Wortfetzen. Sie alle wollen, dass wir ein Foto schiessen. Machen wir natürlich gern. Wie surreal. Noch eben kocht die Wut, doch angesichts dieses Empfangs wird uns das Herz weich. Wie dicht gut und schlecht doch zusammenliegen…
Überall bunte Häuser...Die Menschen sind herzlich und wir gespalten...Frische Kokussnuss vom Baum - nur für uns

 

 

 

 

In ein paar Jahren dürfen sie anfangen, ein neues Gebiet zu erschliessen. Lizenz ist schon da. Oben gegenüber vom Tanjung Puting Nationalpark. Was das für den Regenwald bedeutet, brauchen wir ja nicht zu erwähnen. Und deren Bewohner. Allen voran den Orang Utans. Wir sind empört. Den Menschen hier ist nicht einmal ein Vorwurf zu machen. Sicherlich fehlt es an Bildung. Niemand spricht in der Schule vom ökologischen Ausmass dieses Raubbaus an Borneos einzigartigem Ökosystem. Als MegaBiodiversity Hotspot rangiert Borneo auf Platz zwei hinter dem Amazonas. Das nur so nebenbei bemerkt. Am Pranger steht die Regierung. Und der Rest der Welt, der tatenlos zuschaut. Und die Armut. Der weltweite Bedarf an Palmenöl. Und und und.

Sagten wir nicht, dass es die Menschen sind, die uns Borneo auf ewig ins Gedächtnis brennen werden? Siti schleppt uns später auf einen Spaziergang durch Kumai. Wir wollen zum Fischmarkt. Müssen aber erst an mehreren Schulen vorbei. Und werden frenetisch von den Kids empfangen. Also lässt Heiki es sich nicht nehmen, ne Runde Volleyball zu spielen. Ihr könnt euch den Jubel nicht vorstellen. Da stehen wir also im Staub und schlagen Bälle. Werden gefeiert, besungen, fotografiert. Unglaublich. So geht es an der nächsten Schule weiter. Diesmal die islamische. Die Kids sind aus dem Häuschen. Siti winkt ab und meint, dass wäre doch in Deutschland auch so. Das zweifeln wir an. Schlepp mal einen Indonesier in eine mecklenburgische Grundschule. Da freut sich keiner. Jaja, kann man auch nicht wirklich vergleichen. Wissen wir. Aber trotzdem. Ihr wisst, was wir meinen.
Volleyball in Kumai :-)Alle wollen ein Foto -und wir sehen nur strahlende GesichterIslamische SchuleWir fallen auf und werden von allen Seiten betrachtet...Tankstelle in Kumai :-)Da gehts lang - Siti in Ihrem ElementFischmarkt - nur dieser Geruch :-(mmmhhh leckerAlles frisch

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wir sind geflasht. Mal wieder. Die letzten Tage waren unglaublich. Zuviel für einen begrenzten Menschenkopf. Da drinnen wimmelt es von Momenten. Emotionen. Eindrücken. Und wir sind so voller Dankbarkeit. Oberkante-Unterlippe. So voll. Und die Show geht weiter. Auf dem Fischmarkt hat Siti kurzfristig entschieden, es gäbe bei ihr Dinner. Paar Muscheln und son anderes Meeresgetier gekauft. Werden wir wieder mit der ganzen Sippe auf dem Wohnzimmerboden sitzen. Hoch soll sie leben. Hoch lebe Kalimantan.

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