OUTBACK

Fahrt ins Outback
Wie, ihr fahrt ins Outback? Jeder Aussie hat bisher nur mit hochgezogener Augenbraue reagiert. Und tatsächlich kennt nicht mal jeder Zweite das Inland. Zu heiss, zu weit, zu teuer, zu viele Fliegen etc. So sind die paar Farmer und die indigene Bevölkerung in dieser Einöde relativ auf sich selbst gestellt. Den Touris, die sich doch die Mühe machen, ist eine Art Zeitreise gewiss. Eine Zeitreise in die Urmaterie dieses von Extremen gebeutelten Kontinents, aber auch in die Seele des Landes. Nur hier erahnt man die wahre Größe Australiens und trotzt phlegmatisch den gnadenlosen Lebensbedingungen.
Je tiefer im Inland, deste heisser wird es. Leider haben wir kein Thermometer dabei. Vielleicht auch besser, wenigstens können wir uns so nicht selbst bemitleiden. In unserem Reiseführer lesen wir, dass die Sonne hier bis auf 50 Grad aufdreht. Als Reisezeit sollte man den Dezember und Januar meiden. Hmmm… Wir werden vier Tage bis nach Alice Springs benötigen. Geben wir dem Gaul also die Sporen…

Die erste Etappe führt uns von Cairns auf dem vollmundigen Savannah Highway in Richtung Croydon. Einige andere kleine Städte liegen auf der Strecke. Solche, wo man nur zum Tanken anhält und beim Ortsausgangsschild auch schon wieder den Namen vergessen hat. Für diese Orte hat man das Wort Kaff erfunden. Wir könnten hier vermutlich nur mit Antidepressiva leben. Oder wären mit 16 in Richung Küste getürmt. Kann natürlich auch sein, dass hier Friede, Freude, Eierkuchen herrscht. Wir haben mit keinem Local mehr als das Obligatorische an der Kasse geredet. Aber in Croydon lag ein kleines Stadtheft aus. Sozusagen die lokale Monatszeitung von der Stadtverwaltung. Von den sechs Seiten voller Dorfagenda widmen sich ganze vier dem Thema Stress, Angst- und Wutbwältigung, Einsamkeit, Beziehungsprobleme, häusliche Gewalt und die Tücken des Weihnachstfestes. Das sagt so einiges… Weiterhin ist zu lesen, dass es eine Art Dürre-Regierungsprogramm gibt inklusive Hotline und lokalen Ansprechpartnern. Nicht nur finanzieller Rat bezüglich Fördergelder etc. wird geboten, sondern auch psychologischer Beistand bei anderen Folgeerscheinungen der Dürreperioden. Farmer sind besorgt, leiden unter ständiger Ungewissheit, Existenzangst, Suff etc.

Aber zurück zu uns. Nachdem wir uns kurvenreich durch das Atherton Tableland bei Cairns gewühlt haben, wirds bald flacher und irgendwann total platt. Savanne nennen sie dieses karge Grasland, dementsprechend führt die erste Route auch über den Savannah Highway. Die erste Vollbremsung lässt nicht lange auf sich warten. Kängurus stehen direkt an der Strasse Spalier. Man weiss ja nie, in welche Richtung diese Dussel springen. Kängurus und Kühe sind ohnehin unsere treuen Wegbegleiter. Viele leider wie immer tot am Strassenrand, manchmal inklusive Unfallwagen. Scheint, als ob man die einfach stehen lässt. Die Rinder ähneln der heiligen Kuh in Indien. Diese (ursprünglich asiatische, afrikanische?) Rasse haben wir im ganzen Nordosten gesehen. Vermutlich sind sie resistenter gegenüber Hitze und Trockenheit. Aber die hier sind ganz besonders mager. Fragt man sich, ob die überhaupt zur Fleischwirtschaft taugen. Viel Milch geben die doch auch nicht. Also wozu hält man die? Fragen über Fragen. Viele laufen – und davor wird auch auf Schildern gewarnt – frei herum. Stundenlang grübeln wir drüber nach, wie die Farmer ihre Herde wieder zusammenkriegen? Zeit genug haben wir ja. Am ersten Tag sind wir 8 1/2 Stunden unterwegs.
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Das Markenzeichen des Outbacks, die rote Erde, ist mal mehr, mal weniger präsent. Kommt auch drauf an, ob du die Sonnenbrille auf oder ab hast.
Angesichts der unzähligen Termitenhügel entlang der Strecke, die uns wahlweise an Kleckerburgen, Räucherstäbchen oder Kackhaufen errinnern, vermuten wir ein Mengenverhältnis von 1 zu 674789 zwischen Mensch und Insekt. Können auch 23 mehr sein. Wir sind nicht kleinlich. Bei einer der vielen Pullerpausen (Hitze gleich Literweise Wasser gleich volle Blase) wimmelt es nur so von Schmetterlingen. Irgendein Vogel klingt wie ein im Stich gelassenes Zicklein. Unseren lachenden Kakadoo haben wir auch wieder gesehen. Und jede Menge Raubvögel.Die ersten Stunden de Reise sehen wir ausgetrocknete Bachläufe en masse. Kein Wunder, dass man da die Überflutungsschilder und Messlatten bis zu 2 Metern Höhe etwas deplatziert findet. Abends in Croydon erfahren wir von der Campinglady jedoch, die Regenzeit hätte begonnen. Die wollte nämlich auch wissen, welche Strecke wir nehmen. Das mit den Überflutungen muss hier schnell gehen. Am späten Abend sitzen wir dann selbst im Freilichtkino und starren dem Himmelsspektakel entgegen. Blitze, Wetterleuchten und tiefes Donnergrollen – alles sehr pompös, grell und laut da oben. Viel Lärm um nichts bzw. wenig. Der Regen fällt verhältnismäßig gelinde aus. Trotzdem sehen wir tagsdarauf riesengrosse Pfützen am Strassenrand.
Lost in the OutbackOutback ClassicDer hier ist noch gut gefuelltFahrt ins OutbackOutback - oberste UnfallgefahrRoad Train - Waschen kannste knickenOutback - das muessten Termitenhuegel sein
Diesmal ist es der Gulf Devil Highway (toller Name, sehr motivierend). Auf der Strecke sind sporadisch Sandsäcke und Steine am Rand gestapelt, dazu kommen unzählige Gitter und Gräben. Muss manchmal wohl richtig abgehen. Dann wären da noch die Road Trains. Wahnsinnig lange Trucks mit bis zu vier Anhängern und 50 Metern Länge. Wahrscheinlich heisst der Highway wegen deren Platzhirsch-Attitüde Devils Road. Aufjedenfall sollte man denen aus den Weg gehen und möglichst Platz machen. Sie sind die Könige der Strasse. Ausserdem wirbeln sie jede Menge Staub und Steine auf. Car Glass lässt grüßen.

Wir ackern uns – im wahrsten Sinne des Wortes – mühsam und stetig ins Reich der Fliegen vor. Die Fahrerei ansich ist langatmig, um es mit Milde zu formulieren. Abwechslung sieht anders aus. Es geht stundenlang stupide geradeaus. Ein Hoch auf die armen Kerle, die diese Strassen bauen mussten. Vermutlich Sträflinge. Niemand würde das freiwillig machen. Es ist heiss. Sehr heiss. So heiss, dass sich selbst Dörtis Stechschritt dem Puls eines Koalas anpasst. Und diese Fliegen. In Mount Isa, wo wir nach einer achtstündigen Fahrt den zweiten Tag beenden, wedeln wir diese lästigen Viecher von unserem Abendessen. Heiki ist Meister im Fliegenklatschen. Und es soll noch schlimmer werden… Aber das späte Nachmittagslicht ist erstklassig. Als hätte sich der Himmel einen roten UV-Filter aufgesetzt. Ein kleiner Vorgeschmack auf die famosen Sonnenuntergänge am Ayers Rock.
Fahrt ins Outback
Tja, so sehen die Tage aus. Früh aufstehen, um achte gehts los. Dann sitzen wir uns den Hintern platt. In die Langatmigkeit mischt sich trotzdem auch ein Funken Aufregung. Manchmal kommt uns stundenlang kein Auto entgegen und wir fühlen uns frei wie ein Vogel. Wir können machen, was wir wollen. Am dritten Tag ist Alice Springs immer noch über 1000 km entfernt, Da kommt Freude auf. Wir überqueren die Grenze von Queensland ins Northern Territory und dürfen innerhalb von Sekunden auf genau der gleichen Strasse von 110 auf 130 Höchstgeschwindigkeit gehen. Grenzen sind doch so irrsinnig. Vermutlich benötigen Kängurus hier im Northern Territory ein Visa. Wir sehen kein einziges mehr. Je weiter wir ins Outback fahren, desto tiefer greifen wir beim Tanken in den Geldbeutel. Zunächst 60, dann vier Stunden später 80 Cent mehr für den Liter. Wer kann, der kann. Das Benzin spritzt Heiki aus dem Tank entgegen. Es kocht und wir müssen behutsam den Tank aufschrauben, bis das Zischen versiegt. Genauso verhält es sich mit dem Wasser im Van. Kaffeewasserkochen können wir uns klemmen, es kommt brühheiss aus dem Hahn. Alles ist heiss, aber auch wirklich alles. Selbst die Kissen glühen abends beim Zubettgehen noch. Bei jeder Rast wird das Wedeln mit den Propellerarmen zur instinktiv einverleibten Gestik. Fliegen. Ihr könnt euch nicht vorstellen, mit welcher Abscheu wir dieses Wort aussprechen. Wenigstens geben uns die kreativen Namensgebungen im Outback Anlass zum kiechern. Shakespeare Creek. Fehlt nur noch die Coco Chanel Truckerkneipe.

Der dritte Tag auf Achse endet mit einer Sehenswürdigkeit. Wir sind mittlerweile in Richtung Süden auf dem Stuart Highways unterwegs und fahren bei den Devils Marbles, Teufelskugeln, über die Ziellinie. Ein grosses Areal voller Felskugeln bzw. -brocken. Surreal. Wie hingeworfen. Hingemurmelt quasi. Kein Wunder, dass Aborigines diesen Ort als heilig ansehen. Karlu Karlu heisst es und hat mehrer Bedeutungen. Zum einen sind die Steine die Eier der Regenbogenschlange. Während die Abus im realen Leben hier Rast machten – nach dem Regen sammelt sich das Wasser in den vielen Mulden und Felsspalten -, trafen bzw. treffen sie sich hier in ihren Traumwelten. Die Traummenschen sollen in den Höhlen leben und so mancher ist ihnen auf nimmerwiedersehen gefolgt. Solche Geschichten hört man gerne. Kriegt man schön Gänsehaut, auch bzw. weil wir an diesem magischen Fleckchen Abuland campieren werden. Es ist einsam, und nachdem das Outback uns zur Dämmerung seine Fliegen und Mücken auf den Hals gehetzt hat, zeigt es sich später gnädig von seiner sakralen Seite. Der Sternenhimmel, was fuer ein STERNENhimmel. Die tiefschwarze Käseglocke funkelt und strahlt sein schönstes Lächeln. Wir fühlen uns klein und seelig zugleich und müssen bei dem Gedanken grinsen, wo wir hier eigentlich sitzen. Mitten im Nix, im Outback-Nirvana, der fiesen und zugleich lieblichen Königin der Einöde. Das Leben nimmt schon sonderbare Wege. Gefühlsduselig starren wir in die Nacht. Gefühlsunduselig schlagen wir nach Mücken. Irgendwie scheint das Outback dir sowieso den Rhythmus zu diktieren. Licht anmachen geht sowieso nicht. Aber selbst, als wir das Tablet anmachen, um zu lesen, schickt die bipolare Dame Stürme voller Viecher. Technik unerwünscht…. Zur Krönung hört Dörti irgendwann einen Dingo vorbei traben. Sowieso witzig, wie wir uns ergänzen. Dörti hört das liebe Getier, Heiki sieht es.
Um neun liegen wir dann in der Kiste, nachdem Junior die Mücken erlauscht, Senior sie erfolgreich erlegt. Teamarbeit. Geträumt haben wir nix. Alles schwarz. Vermutlich haben Touris kein Zutritt in den Traumwelten-Nachtklub der Abus.
TeufelsmurmelnDevils MarblesDa war die Schoepfung fleissigDevils MarblesTeufelsmurmelnHossaromatisch wird auch...
Ganz allein an den Devils Marbles

 

 

 

 

 

 

 

 

Tag 4. Pippi im Busch, Stulle im hysterischen Herumwedeln verschlungen, Kaffee hinterher und los gehts. Nur noch schlappe 400undnochwas bis nach Alice Springs. Nach 30 km erwartet uns die Ufo Capital of Australia. Und Dörti meinte noch in der Nacht, es würde am Himmel blinken. Stadt ist etwas übertrieben, eher ne Tankstelle mit Aliensouveniers und nen Campingplatz. Wie der Name plausibel erklärt, wurden hier Ufos gesichtet. Also ham sie jede zur Verfügung stehende Wand mit Spaceships und grünen Männchen angemalt. Man hat viel Zeit hier draussen. Und Geld muss ja auch irgendwie verdient werden.
Devils Marbles - Outback
Devils Marbles - SunsetAlien CapitalOutback - Man hat viel Zeit

 

 

 

 

Fazit und Hand aufs Herz: Es reicht. So langsam fängt die Fahrerei an zu nerven. Besonders ADS-Dörti muss zappeln. Die zwei Tage in Alice Springs werden gut tun. Labsal für die Seele, oder vielmehr für den wundgesessenen Hintern. Danach wirds wohl noch mal zwei Tage dauern, bis wir Adelaide erreichen. Hoch soll sie leben, die Klimaanlage.

2 Gedanken zu “OUTBACK

  1. Als ich eben nicht dran gedacht hatte, wunderte ich mich, wieso Eurer Mr.Mighty auf der linken Spur steht. 😀 Andere Länder, andere Sitten.

    Passt weiterhin schön auf Euch auf!

  2. Hallo ihr Lieben,

    das waren ja riesige Steine. Findlinge oder hingeschleppt. Oder sind dafür die Aliens schuld. Habe ich wohl überlesen. Aber euere Bilder sind wieder wunderschön.
    Aber jetzt seit ihr ja bestimmt schon auf dem Weg in die Zivilisation. Schöne weitere Tage und hofft, dass die Klimaanlage durchhält.
    In der Welt ist viel los. Auch in Sydney gabs einen Terroranschlag und Kuba wird sich verändern. Mal sehen, ob zum positiven. Und der Papst tanzt Tango zu seinem 78. auf dem Marcusplatz. Und in Deutschland gehen 15000 Menschen in Dresden auf die Strasse. So ging es schon mal los. Erzählen unsere Eltern. Muss man Angst kriegen?
    Bei uns naht Weihnachten in riesen Schritten. Ihr werdet mir fehlen.
    Ganz liebe Grüße und Drücker von eurer Mutti

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